publikationen

Carl Aigner

FARBENLUST

Bemerkungen zu den Werken von Elke Doppler-Wagner

„Die Farbe hat mich -
ich bin Maler“
Paul Klee

Vielleicht sollten wir uns angesichts des bildnerischen Werks von Elke Doppler-Wagner wieder einmal vergegenwärtigen, dass wir Menschen nicht nur Sprach- sondern auch Bildwesen sind, dass uns anthropologisch das Vermögen gegeben ist, uns sowohl Vorstellungsbilder (Imaginationen) als auch Darstellungsbilder machen zu können. Das bedeutet, dass Bilder etwas Grundsätzliches in unserem Dasein sind: Ich bilde, also bin ich.

In vieler Hinsicht gilt dies für das Werk von Doppler-Wagner; nicht nur, weil es mit großer Leidenschaft und Hingabe entstanden ist, sondern auch, weil das bildnerische Schaffen eine Weise der Mitteilung ist, die nur Kraft der Kunst selbst möglich ist. Jede Künstlerin, jeder Künstler entwickelt sein Werk dabei aus bestimmten kunsthistorischen Kontexten heraus, sei es als deren Negation, sei es als deren Weiterführung und Transformation. Doppler-Wagner rekurriert dabei auf die Erfahrungen mit und seit der expressionistischen und gegenstandslosen Malerei. Es war bekanntlich auch der Expressionismus, der einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der abstrakten Kunst geleistet hat. Anders als im Impressionismus, wo die äußere Welt, die naturwissenschaftliche Frage nach dem was Licht und Farbe ist, was und wie das Sehen funktioniert wichtige Grundlage für das künstlerische Selbstverständnis bildete, fokussiert die expressionistische Kunst die Frage nach der inneren Wahrnehmung, nach der inneren Befindlichkeit, die unsere Wahrnehmung der Welt grundsätzlich „formatiert“. Dabei wird das künstlerische Farbverständnis aus naturalistischen, realistischen und partiell aus symbolischen Kontexten gelöst; es gewinnt einen autonomen (abstrakten) Status, indem sie vom Gegenständlichen freigesetzt wird und zu einer Art Übersetzung zwischen der inneren, psychischen, seelischen, spirituellen und der äußeren, gegenstandsbezogenen Welt mutiert. Diese komplexen künstlerischen Prozesse und Veränderungen, die in engem Zusammenhang mit der immensen Transformation der europäischen Gesellschaften zu Beginn des letzten Jahrhunderts gesehen werden müssen (en passant sei an die Erkenntnisse von Sigmund Freud oder Albert Einstein erinnert, die damals kopernikanische Dimensionen darstellten), sind auch heute noch wichtige Reflexionsmomente, wiewohl sie natürlich in einem anderen aktuellen Kontext konfigurieren.

In bezug auf Farbe, Abstraktion, Komposition, kurz: bildnerischem Selbstverständnis der Malerei von Doppler-Wagner sind die Erkenntnisse des Expressionismus und der Abstraktion prägende Parameter. Dennoch ist ihre Malerei (Acryl, Mischtechniken mit Spachtelmasse, Gips und Sand sind die vorrangigen Malmaterialien, die mittels Pinsel, Spachtel oder Schwamm auf Leinwand aufgetragen werden) nicht expressionistisch, sondern expressiv; es geht um die Gewinnung einer eigenen Bildrealität, die sie mittels des Materials Farbe bewerkstelligt, um eine gültige Übersetzung von innerer Gestimmtheit und Atmosphärik in eine autonome Bildwelt zu formulieren (nur bedingt gibt es Bezugnahmen auf etwas Gegenständliches, wie es durch manche Bildtitel – „Vulkan“, „Seelenlandschaft“ oder „Sommerwiese“ avisiert wird). Pastos werden Farbschichten aufgetragen, überdeckt, zugedeckt und wieder abgetragen, so dass einerseits Farbräume, andererseits durch das Wegnehmen von aufgetragenen Farbschichten imaginative Farbtiefen entstehen, Öffnungen, die ins Innere der Leinwand zu führen scheinen und eine äußerst sinnliche Haptik und Plastizität ergeben. Es entstehen vielgestaltige Bildlandschaften, deren Dynamik aus der Farbgestaltung resultiert, die das vermittelt, was in der Literaturwissenschaft seit James Joyce als „innerer Monolog“ bezeichnet wird. Das Farbdenken der Malerei der Künstlerin ist gleichzeitig auch deren Narrativität, die den Bogen vom Monochromen bis hin zum Spatialen spannt. Wie überhaupt Farben zugleich Form und Inhalt ihrer Malerei darstellen. Die Farbe, so können wir sagen, ist das Elixier dieser Malerei, die einerseits sehr spontan und intuitiv entsteht, andererseits auch verschiedene konzeptuelle Faktoren impliziert. Sie ist aber auch die Via Regia zum inneren Sein, zur inneren Befindlichkeit der Künstlerin, ihre Weise der Mitteilung aus der Welt des Unsichtbaren gewissermaßen.

Das gemalte Bild kann dabei als eine Art Membran verstanden werden, wo sich die äußere und innere Welt, und die Wirklichkeit begegnen, berühren und immer wieder vermählen, wobei im Expressiven der Farben diese Membran sich mehr von innen nach außen bewegt. Wir erblicken somit ein Stück des Erlebens, Erfahrens, Spürens und Wissens ihrer Persönlichkeit. Denn Bilder ermöglichen uns etwas, was wir nur durch sie visuell erfahren können: mit den Blicken eines anderen Menschen dessen innere Welt betrachten! Insoferne bedeuten künstlerische Bilder trotz aller Bilderflut, einen Weg zu sich selbst und zur Welt zu finden, auch das wird sehr nachdrücklich in ihrem bildnerischen Oeuvre vermittelt. Und in dieser Hinsicht ist Peter Handke zuzustimmen, als er einmal schrieb, dass Bilder der größte Schatz der Menschheit sind…